Gian Piero de Bellis

Polyarchie : ein Manifest

(2003)

 


 

Teile I

Vergangenheit/Vergangenheit


  2. Historische Voraussetzungen

  3. Der Staat

  4. Merkantilismus

  5. Der Niedergang des Merkantilismus

  6. Physiokratie

  7. Freiheit

  8. Industrie

  9. Kapitalismus (Ursprünge und Entwicklung)

10. Kapitalismus (Klima und Einstellungen)

11. Anarchismus und Sozialismus

12. Der Höhepunkt von Kapitalismus und Anarchismus/Sozialismus

13. Der Staat im Hintergrund

14. Der Staat schlägt zurück

15. Nationalismus

16. Bürokratismus

17. Monopolismus

 


 

2. Historische Voraussetzungen (^)

Die Geschichte des Zusammenlebens der Menschheit ist zu einem großen Teil eine Geschichte von Macht und den Konflikten, die diese in verschiedenen Bereichen des Lebens zwischen parasitischen und produktiven Gruppen hervorruft.

Unter Macht kann man die Fähigkeit einer Person oder Gruppe verstehen, der Gedanken-, Rede- oder Handlungsfreiheit anderer Beschränkungen aufzuerlegen.

Seit ungefähr 1000 n. Chr. führten die Entwicklung des Handels und das Wiederaufleben der Städte zu einem Zusammenbruch des geschlossenen Systems des feudalen Ökonomie.

Die neue Macht der Städte und ihrer Gilden überwand lokale Begrenzungen und öffnete einen neuen Raum, in dem sowohl Landarbeiter als auch Bedienstete größere Freiheit hatten.

Die Stadt beherbergte eine neue Gruppe von Menschen, die, mit ihren verschiedenen künstlerischen und handwerklichen Fertigkeiten, für nahe und weit entfernte Märkte produzierten und mit ihnen handelten. Wenn der Begriff "Bourgeoisie" irgendeine historische Bedeutung hat, dann in Bezug auf die kleineren und größeren Gruppen von Handwerkern und Händlern, die im 13. und 14. Jahrhundert in den zahlreichen befestigen Plätzen Europas lebten und prosperierten.

Diese 'Bourgeois' waren diejenigen, die nicht nur Produktion und Handel im größeren Maßstab und frei von feudalen Fesseln entwickelten, sondern auch die neuen Werte von Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit förderten sowie neuen Buchführungswerkzeuge (doppelte Buchführung), Zahlungsmittel (Wechsel) und Investitionsmöglichkeiten ('commenda' oder Teilhaberschaft) ersannen, die Produktion und Handel weitere Impulse gaben.

Am Ende des 14. Jahrhunderts waren diese dynamischen Individuen und Gruppen nicht nur reich und mächtig geworden, sondern auch eifersüchtig auf den Erhalt ihres Reichtums und ihrer Macht bedacht. Die Gilden führten daraufhin Restriktionen gegen die Landbevölkerung und andere Städte ein.

Diese Regeln waren darauf ausgerichtet, die Handels- und Produktionsmonopole der Gilden innerhalb eines bestimmten Gebietes zu erhalten.

Um dieses Ziel zu erreichen, waren die Gilden, die einstmals stolz auf ihre Unabhängigkeit waren, sogar bereit, königliche Privilegien zu akzeptieren - ein offensichtlicher Tausch von Freiheit gegen Sicherheit.

Es bedurfte einiger Jahrhunderte, bis dieser Tausch unvermeidlich seine giftige Frucht brachte. Während die städtischen Freiheiten schrittweise zerstört wurden, erlangte eine neue Macht die Kontrolle: der Staat.

 

3. Der Staat  (^)

Ganz im Gegensatz zu dem, was Menschen gerne glauben, gab es Staaten (und besonders Nationalstaaten) nicht schon immer.

Erstens existierten Gemeinschaften (organisierte Gruppen von Menschen) schon lange vor dem und auch ohne den Staat.

Zweitens waren im Verlauf der Geschichte nicht Nationalstaaten, sondern andere Funktionseinheiten, große (das mazedonische Reich, das römische Reich, die katholische Kirche und das Heilige Römische Reich deutscher Nation) oder kleine (die griechische Stadt, das mittelalterliche Lehensgut, die Renaissance-Gemeinde), die hauptsächlichen politischen Organisationsformen.

Die Bestätigung des Staates als zentrale Macht (16. Jahrhundert) leitet sich von zwei zusammenhängenden historischen Schwächen ab:

Universalismus: universalistische Mächte wie das Papsttum oder das Reich waren kulturell und politisch schwach;

Partikularismus: lokale Mächte (wie Städte und Gilden) wurden zunehmend reaktionärer und gaben ihre Rechte im Tausch für den Schutz ihrer Monopole (Produktion, Handel) an eine mächtigere Körperschaft ab.

Der Staat führte im Vergleich zur feudal/kommunalen Periode folgende Neuerungen ein:

- Monopolisierung der Macht über ein größeres Gebiet

- Zentralisierung der Entscheidungs- und Gesetzgebungsprozesse, die in einer Unterdrückung lokaler Gebräuche und Regeln resultierte.

Seit dem 16. Jahrhundert wuchs die Macht des Staates und ein theoretisches System wurde ausformuliert, das definierte, wie er bei der Regelung seiner politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten vorzugehen hatte.

Dieses theoretische System wurde als Merkantilismus bekannt.

 

4. Merkantilismus  (^)

Merkantilismus war die wirtschaftliche Ideologie im Kindesalter des Nationalstaates.

Er war charakterisiert durch:

Interventionalismus. Der Staat begünstigte oder bevorzugte die Entwicklung hochgradig regulierter Monopole und Oligopole. Produktion und Handel (besonders Außenhandel) waren unter der Kontrolle des Staates;

Fiskalismus. Monopole ließen sich mit Blick auf die Besteuerung leichter kontrollieren. Auch die Zuteilung monopolistischer Privilegien (also an Gilden und Händler) hatte als wichtigstes Ziel die Verbesserung der staatlichen Steuereinnahmen;

Hegemonismus. Produktion und Handel sollten die Vorräte des Staates an wertvollen Metallen (Gold, Silber) erhöhen, was gleichbedeutend mit einem Anstieg seiner Macht sowohl im inneren als auch gegen andere Staaten war.

Vom 16. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts war Merkantilismus die dominante Ideologie und Praxis der herrschenden Macht. Es war Feudalismus im größeren Maßstab, mit der selben pyramidalen Struktur aber zwei grundlegenden Unterschieden. Erstens hatten die Städte und ihre Gilden die Feudalherrschaft über das Land ersetzt. Zweitens gab es an der Spitze eine zentrale Macht, die alles und jeden kontrollierte (oder es versuchte): der Staat.

Dieser Aspekt des Regulierens und der Kontrolle (Interventionismus) wird an vielen und detaillierten Verordnungen über Ausbildungsverhältnisse, Arbeiter, Herstellung und Handel sichtbar.

Interventionismus hatte das kurzfristige Ziel, Einnahmen (Fiskalismus) für das Aufrechterhalten der Staatsmaschinerie zu erbringen, und das langfristige Ziel, die Macht und Vorherrschaft der Interessen des Staates zu stärken, nach Innen und Außen.

 

5. Der Niedergang des Merkantilismus (^)

Die Umsetzung der merkantilistischen Ideologie war in Frankreich sehr rigide, in den Niederlanden und in England dagegen etwas lockerer.

Diese Lockerung der staatlichen Kontrolle erlaubte diesen beiden Gebieten einen Entwicklungsprozess, der sie zu einer Position von zunehmender Bedeutung bringen würde.

Frankreich dagegen, wo die Praxis des Merkantilismus strikter war, würde seine dominante Rolle verlieren und für Jahrhunderte zurückbleiben.

Man kann Merkantilismus als erweiterte Form des Feudalismus sehen, die auf einer Allianz zwischen monopolistischen lokalen Gilden und einem zentralistischen Staat basiert.

Alle staatlichen Interventionen in die Wirtschaft durch Investitionen und die Vergabe von monopolistischen Privilegien behinderten Industrie und Handel mehr als dass sie sie förderten.

Es war sicher kein Zufall, dass die Ideen, die zu einem neuen Ansatz in der Wirtschaftspolitik drängten, zuerst in Frankreich aufkamen, wo staatliche Bestimmungen drückender waren.

 

6. Physiokratie  (^)

Physiokratie war eine Reaktion dagegen, dass der Staat dem produzierenden Gewerbe und dem Export im Vergleich zur Landwirtschaft so viel Gewicht zumaß. Sie war gleichzeitig ein Glaube an ökonomische Naturgesetze im Gegensatz zu staatlicher Regulierung.

Dieser Glaube war in der Aufforderung "laissez faire, laissez passer" zusammengefasst, einem Kampfruf gegen staatliche Einflussnahme auf Aktivitäten, die gedeihen würden, wenn man sie nur nicht einschränkte.

Es war die Rolle der Physiokraten, theoretische Munition für die Auffassung bereitzustellen, dass wirtschaftlicher Fortschritt nur durch eine Begrenzung der Rolle des Staates erreicht werden könne.

In ihrem Heimatland aber, in Frankreich, hatten sie keinen Erfolg.

Tatsächlich waren das ancien régime, die französische Revolution und das napoleonische Kaiserreich, wenn man alle Rhetorik über Menschenrechte und Emanzipation bei Seite lässt, zunehmend Ausdruck eines allmächtigen Staates, der erpicht darauf war, seinen eigenen Machtzuwachs zu kontrollieren und zu monopolisieren, sogar um den Preis der Behinderung der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung.

Von diesem Moment an hatte Frankreich, das wegen des Merkantilismus bereits zurück lag, im Vergleich zu freieren und dynamischeren Ländern nur noch eine klar untergeordnete Rolle zu spielen.

Unter den liberalsten und dynamischsten war England.

 

7. Freiheit  (^)

England war während seiner ganzen Geschichte bis ins 16. Jahrhundert, verglichen mit dem größten Teil Europas, wirtschaftlich und technologisch ein rückständiges Land.

Es verfügte weder über die Reichtümer Spaniens (Gold und Silber aus Südamerika) noch die Pracht und die Kultiviertheit Frankreichs. Es war zusätzlich zu einer niedrigen Produktivität dünn besiedelt. Trotzdem entwickelte es etwas, das auf lange Sicht mehr wog: Toleranz und Freiheit.

- Durch Toleranz wurde es zum Beispiel möglich, Menschen zu beherbergen, die in anderen Ländern verfolgt und vertrieben wurden (Hugenotten). Diese neuen menschlichen Ressourcen trugen zum Aufbau neuer Wirtschaftszweige bei.

- Freiheit gab mehr Freiraum für das Experimentieren mit Ideen, das in der Einführung, Anpassung und Verbreitung von mechanischen Vorrichtungen resultierte. Die Entfesselung von Prometheus führte zu einer neuen Welt der Industrie, die auf Maschinen aufbaute.

Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts und besonders seit 1780 wuchs England an verarbeitender Industrie, mechanischen Erfindungen und Macht.

Nicht die Ansammlung von Gold und Silber repräsentiert die Basis von Wirtschaftswachstum, wie man nach einer sehr plumpen Analyse glauben könnte, sondern die Einstellung und Praxis von Toleranz und Freiheit.

Aus einem solchen sozialen Klima und aus der glücklichen Verbindung von Liberalismus und Individualismus kamen Revolutionen in Landwirtschaft und verarbeitender Industrie, die zu einem enormen Anstieg in der Produktion des zum Lebensunterhalt Nötigen führten und eine allgemeine Verbesserung der Lebensumstände anstießen.

 

8. Industrie  (^)

Das Rezept für die Industrielle Revolution hatte eine Hauptzutat: Freiheit. Im 18. Jahrhundert war England einer der freiesten Orte auf der Welt. Das ist der Hauptgrund dafür, dass die Industrielle Revolution dort stattfand.

Die Industrielle Revolution war das Produkt von Freiheit und resultierte zugleich in einer weiteren Entwicklung von Freiheit: Freiheit zu produzieren, zu handeln, zu erfinden.

Es war nicht die Arbeitsteilung (wie in dem berühmten Beispiel der Nadelfabrik), die die Basis der Industriellen Revolution ausmachte. Ein Anstieg der Produktivität war nicht genug, um eine so radikale Veränderung zu entflammen und aufrechtzuerhalten. Die Freiheit, die Produktivität zu erhöhen, Erfindungsgeist auf Produktion und Handel anzuwenden, ohne dass die Erfindung ausgeschlossen oder gar der Erfinder drangsaliert oder sogar gehängt wurde, das zählte und machte den Unterschied.

Die Bourgeoisie als Klasse war nicht der Motor der Industriellen Revolution.

Wenn wir uns auf den Meister einer Gilde mit seinen monopolistischen Praktiken als Bourgeois beziehen, dann handelte er für eine rechte lange Zeitspanne sicherlich als starke Bremse für jeden wirtschaftlichen und technischen Fortschritt. Die Zeit der Bourgeoisie als revolutionärer Klasse war schon lange vorbei; nur der Name Bourgeoisie wurde behalten und aus ideologischen Gründen als Ehrentitel oder Zeichen der Verachtung verwendet.

Die Protagonisten von Industrie und Mechanisierung waren diejenigen, die - in diesem Klima der Freiheit - Neugier und Erfindungsreichtum auf die Produktion verwandten. Erfinder und Unternehmer kamen aus unterschiedlichen sozialen Hintergründen und Berufen; nicht nur der Landadel (gentry), der verbesserte landwirtschaftliche Methoden einsetzte, sondern auch Watt der Uhrmacher mit seiner Dampfmaschine, Arkwright der Friseur mit seiner Spinnmaschine und Fulton der Juwelier mit seinem Dampfschiff.

Diese historische Periode wurde durch die dominante Rolle des Aktienkapitals (Maschinen) charakterisiert, weswegen sie auch als Kapitalismus bezeichnet wird.

 

9. Kapitalismus (Ursprünge und Entwicklung)  (^)

Kapitalismus kam in England, Schottland und den Niederlanden um die Mitte des 18. Jahrhunderts auf.

Wenn wir (fälschlicherweise, wie von Adam Smith festgestellt) "Kapital" mit der Bedeutung von "Geld" verwenden, dann existierte Kapitalismus vor der Industriellen Revolution und seine Ursprünge können bis auf die Einführung des Geldes datiert werden.

Kapital aber bedeutet vor allem Maschinen, die für die Herstellung von Gütern eingesetzt werden. Unter dieser Einschränkung ist Kapital ein Produktionssystem, das auf extensivem und zunehmendem Einsatz von Maschinen (einfachen oder komplexen Werkzeugen) beruht.

Kapitalismus ist dann charakterisiert durch die Dominanz von Kapital (Maschinen) und ihrer im Bezug zu anderen Produktionsfaktoren (Land, Arbeit) zentralen Rolle.

Es stimmt zwar, dass viele mechanische Vorrichtungen in anderen Ländern (z.B. China) früher als in England erfunden wurden, aber der Mangel an Freiheit durch die despotische Kontrolle des Staates hatte ihren Einsatz, von ihrer Verbreitung gar nicht zu reden, verhindert.

Aus diesem Grund spielten Maschinen, obwohl sie für die Existenz und das Funktionieren des Kapitalismus wichtig waren, ihre produktive Rolle nur unter verschiedenen Voraussetzungen.

Diese Voraussetzungen des Kapitalismus beziehen sich auf das soziale Klima und die psychologischen Einstellungen, die von Gruppen und Individuen favorisiert und entwickelt wurden.

 

10. Kapitalismus (Klima und Einstellungen)  (^)

Die wichtigsten Charakteristika des Kapitalismus sowie des sozialen Klimas und der psychologischen Einstellungen um ihn herum waren:

Liberalismus (politisch, wirtschaftlich, kulturell);

Individualismus (natürliche Rechte, Unternehmertum);

Ökonomismus (Fleiß, Sparsamkeit, wirtschaftliches Kalkulieren).

Kapitalismus war eine hochgradig dynamische Produktionsperiode, eine revolutionäre Epoche der Wirtschafts- und Sozialgeschichte, in der einzelne Mensch die Art und Mittel der Produktion revolutionierten.

Der Kapitalismus förderte die Entwicklung einer einfachen Ideologie: Jedes Individuum würde durch das Verfolgen eigener Interessen helfen, die Interessen seiner Mitmenschen und der Gemeinschaft als Ganzer voranzutreiben. Aus diesem Grund würden mit steigender Freiheit des Individuums seine Interessen zu verfolgen, die Interessen von jedermann zunehmend gefördert.

Dies war die vollkommene Umdrehung des hobbes'schen "homo homini lupus", das die Existenz einer überlegenen Macht rechtfertigte. Kapitalismus war eine so progressive und optimistische Ideologie, dass er fruchtbaren Boden für Geburt und Weitergabe aller Arten von utopischen und messianischen Visionen von sozialer Regeneration abgab, in denen der Mensch (nicht der "aufgeklärte" Autokrat) im Zentrum stand.

Die zwei wichtigsten dieser Visionen waren Anarchismus und Sozialismus.

 

11. Anarchismus und Sozialismus  (^)

Anarchismus und Sozialismus waren Begriffssysteme der sozialen Organisation, die aus einer Analyse des Kapitalismus resultierten und darüber hinaus gingen. Anders gesagt war es das Ziel von Anarchismus und Sozialismus, den Kapitalismus zu ersetzen, was zu einer vollen Entwicklung von Individuen und Gesellschaft führen sollte.

Nach der Dunkelheit (Feudalismus) und dem Morgengrauen (Kapitalismus) sollte die volle Pracht des lichten Tages (Anarchismus und Sozialismus) folgen.

Die grundlegenden Prinzipien von Anarchismus und Sozialismus waren in vieler Hinsicht ähnlich. Es ging um die Überwindung von drei Gegensätzen:

- die Kluft zwischen verschiedenen Nation durch die Förderung von Pazifismus und Internationalismus;

- die Kluft zwischen körperlicher und geistiger Arbeit durch die volle Entwicklung aller Produktivkräfte und an erster Stelle des Menschen;

- die Kluft zwischen Stadt und Land durch eine ausgewogene Verteilung der Bevölkerung und die Bereitstellung von Wohnraum, Grünflächen und technischen Hilfsmitteln für alle.

Sie wichen voneinander ab bezüglich:

- ihrer unterschiedlichen Betonung der Rolle des Individuums (Anarchismus) im Unterschied zur Gesellschaft (Sozialismus);

- der Funktion, die sie dem Staat im Übergang zur neuen Gesellschaft einräumten bzw. nicht einräumten.

Während des 19. Jahrhunderts führten der dynamische Antagonismus und die konfliktreiche Partnerschaft zwischen Kapitalismus und seinen potenziellen Nachfolgern (Anarchismus und Sozialismus) zu einer kontinuierlichen Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen, die so weit ging, dass sie die Illusion eines niemals endenden materiellen und moralischen Fortschritts erzeugte.

 

12. Der Höhepunkt von Kapitalismus und Anarchismus/Sozialismus  (^)

Kapitalismus und Anarchismus/Sozialismus hatten einige grundlegende Prinzipien gemeinsam, die wie folgt zusammengefasst werden können:

- Szientismus (das Vertrauen auf Wissenschaft und Technologie);

- Universalismus (Internationalismus und Welthandel);

- Pazifismus (Anti-Militarismus).

Tatsächlich erlebten Szientismus, Universalismus und Pazifismus ihren Höhepunkt während der Blütezeit des Kapitalismus (erste Hälfte 19. Jahrhundert), als England, die Wiege des Kapitalismus, sich mit weltweitem Handel beschäftigte und keine Kriege führte, die eine Störung von Produktion und Handel ausgelöst hätten.

Der dynamische Austausch/Kampf zwischen Kapitalismus und seinen Gegenstücken Anarchismus/Sozialismus ermöglichte:

- die Zerstörung feudaler Überbleibsel und merkantilistischer Partikularismen sowie die Verbreitung neuer allgemeiner Normen wirtschaftlichen Verhaltens;

- die Produktion von Gütern in einem solchen Maßstab, dass zum ersten Mal in der Geschichte manche Menschen den Traum einer Welt nährten, frei von Armut und mit Wohlstand für alle.

Während des 19. Jahrhunderts war die Hoffnung in den niemals endenden Fortschritt politischer Demokratisierung und wirtschaftlicher Entwicklung weit verbreitet und erreichte ihren Höhepunkt mit den Revolutionen von 1848 und der Weltausstellung von 1851.

Kapitalismus und seine Gegenstücke Anarchismus/Sozialismus waren auf ihrem Höhepunkt.

In der Zwischenzeit blieb, besonders in England, dem fortgeschrittensten Land, der Staat hauptsächlich im Hintergrund.

 

13. Der Staat im Hintergrund  (^)

Während des größten Teil des 19. Jahrhunderts hielt sich der Staat weitgehend aus dem Wirtschaftsleben heraus.

Sogar ein Land wie Frankreich, das einen starken Staat hatte, musste vor dem Hintergrund der außergewöhnlichen wirtschaftlichen Entwicklung benachbarter Regionen (also England und der Niederlande) seinen Zugriff auf die einzelnen Menschen begrenzen.

Der Staat musste sich zurückziehen.

Eisenbahnen, Elektrifizierung, Produktion und Handel wurden von Einzelpersonen und Firmen entwickelt und unterhalten.

Die Handlungen eines schwachen Staates - schwach hier im Vergleich zu anderen starken Kräften - hatten einen fortschrittlichen Einfluss, weil sie darauf ausgerichtet waren, die Dominanz anderer Kräfte zu reduzieren.

So gab es, zum Beispiel in England, staatliche Inspektoren, die über Arbeitsbedingungen berichteten, in Gesundheits- und Hygienefragen intervenierten und die Reduzierung des täglichen Arbeitspensums und die Einrichtung von Erziehungsstätten vorschlugen.

Außer dem Staat gab es noch andere Sektoren der Wirtschaft und einzelne Unternehmer, die sich gegen viele der brutaleren Aspekte des Kapitalismus, besonders die Dominanz der Maschine über den Menschen, aussprachen und auch entsprechend handelten.

Einige dieser negativen Aspekte waren Überbleibsel aus früheren Perioden, so etwa Arbeitszwang für, zumindest in einigen Industriezweigen, Kinder ab fünf Jahren, ein Verfahren, das vom merkantilistischen Staat in Frankreich und England mit Geldstrafen gegen nicht fügsame Eltern durchgesetzt wurde.

Trotz sozialen Ungleichgewichts, Fällen von schrecklicher Ausbeutung und harten Lebensbedingungen waren die Menschen aufgrund der Fortschritte in der Gesundheitsvorsorge, bei der Erziehung und Bildung, im Wohnungswesen und bei der Ernährung, die zu einer längeren Lebenserwartung führten, voller Hoffnung.

Zusätzlich spielten mehr und mehr Menschen eine wichtigere, aktive Rolle in der Gesellschaft, die durch die Erweiterung des Wahlrechts während des 19. und 20. Jahrhunderts noch hätte wachsen sollen. Leider aber führte das zu einer Situation, in der neue Patrone und Fürsprecher hervortraten um die Massen zu repräsentieren.

In diesem Moment begann sich das freie Spiel der Kräfte, das eine echte Dynamik von persönlichen und sozialen Verbesserungen hervorgebracht hatte, langsam auf die politische Ebene zu verlagern, wo es im Überfluss neue Akteure fand, die bereit waren, verschiedene "öffentliche" (also vom Staat vorgesehene) Rollen wie Politiker, Bürokrat, Richter, Offizier und Polizist zu spielen.

Der Staat schlug zurück.

 

14. Der Staat schlägt zurück  (^)

Das massive Werk der Zerstörung der Vergangenheit und des Aufbaus für Gegenwart und Zukunft hätte zu einem nie endenden Fortschritt führen können, wenn man die degenerierten Aspekte (also Chauvinismus und Protektionismus), die in jeder Realität existieren (Kapitalismus und Sozialismus eingeschlossen), unter Kontrolle hätte halten können. Das war jedoch nicht der Fall.

So begann der Staat nach dem kurzen Zwischenspiel, in dem er, im Hintergrund geblieben oder gehalten, die Macht mit anderen aufkommenden Kräften (Kapitalismus, Sozialismus) teilen musste, seine frühere Vormachtstellung wieder zu behaupten.

Zuerst ging er gegen Kräfte im Niedergang, wie die katholische Kirche, oder gegen schwache Kräfte, wie die anarchistische Bewegung, vor.

Die katholische Kirche, die durch Enteignungen und Restriktionen in ganz Europa und besonders in Frankreich in Mitleidenschaft gezogen war, musste einen erneuten Schlag hinnehmen, als durch die Ferry Dekrete (1880) religiöse Orden genehmigungspflichtig wurden, in deren Folge die Jesuiten, die sich verweigerten, das Land verlassen mussten. Damit wurde die Umkehrung der Jahrhunderte alten kirchlichen Dominanz in staatliche gesetzlich festgelegt.

Die anarchistische Bewegung, die freieste aber auch naivste Bewegung für eine neue Gesellschaft, wurde durch Infiltration und Manipulation schnell diskreditiert und zerstört. Die staatliche Propaganda hatte bei einfachen Leuten Erfolg, indem sie Anarchie mit Chaos und Unordnung verband, ganz so als ob Anarchisten tout court gegen Organisation und Regeln wären und nicht nur gegen staatlich verordnete Kontrolle und Reglementierung.

Danach wurde es Zeit, mit Kapitalismus und Sozialismus fertig zu werden.

Die Taktik der Wahl war es, mittels Zuckerbrot und Peitsche den Kapitalismus zu dominieren, den Sozialismus zu verwässern und beide Lager gegeneinander zu hetzen, bis verärgerte und verängstigte kapitalistische Unternehmer unter der Schirmherrschaft des Staates mit den neuen machthungrigen sozialistischen Führern übereinkamen.

Dies war eine gelungene Anwendung von Kooptation, Korruption und Zwang.

Sie dauerte Jahrzehnte an und erhielt durch ein neues Phänomen Auftrieb, das die Massen sammelte und sowohl Kapitalismus als auch Sozialismus infizierte: Nationalismus.

 

15. Nationalismus  (^)

Während des 19. Jahrhunderts, als der Kapitalismus auf der Weltbühne dominierte und der Sozialismus mit ihm darum kämpfte, den Arbeitern einen besseren/größeren Anteil am wachsenden Kuchen der Produktion zu geben, erschien ein neues Phänomen auf der politischen Szene: der Kampf um den Nationalstaat (z.B. Deutschland, Griechenland, Italien, Polen).

Dieser Kampf um nationale Identität war zuerst nicht frei von progressiven Aspekten wie der Rebellion gegen die Unterdrückung durch fremder Mächte und dem Ruf nach Selbstbestimmung. Er hätte auch weiterhin progressiv bleiben können, wenn die neuen politischen Einheiten dezentralen Föderalismus und kulturelle Varietät akzeptiert (wie es die Schweizer getan hatten) und jede Spur von Chauvinismus und Rassismus ausgeschlossen hätten.

Im Gegenteil war es jedoch Zentralismus, der sich statt des Föderalismus durchsetzte und mit ihm eine Haltung monokultureller nationaler Hegemonie, die mit Abscheu und Missachtung auf die Vielfalt von Idiomen und Gebräuchen herabsah.

Nationalismus war am Ruder.

Mit der Behauptung des Nationalismus in Europa wurden Kapitalismus und Sozialismus in ihren Anschauungen und Handlungsweisen immer mehr partikularistisch (also nationenbasiert).

Der ursprüngliche Geist der Kreativität, des Wettbewerbes um Fortschritt und des Strebens nach weltweiter Verbesserung war im Abflauen.

An seiner Stelle konsolidierten sich unter dem Banner des Nationalstaates zügig zwei Phänomene:

- Bürokratismus

- Monopolismus.

 

16. Bürokratismus  (^)

Der Staat benötigte auf seinem Weg zurück zur Überlegenheit eine Armee von Bediensteten um die vielen neuen Funktionen, die er anfing sich zusätzlich zu seinen traditionellen Aufgaben, die er erweiterte und vertiefte, zuzuschreiben: Steuererhebung, Armee, Polizei, Gefängnisse, Schulen, das Rechtssystem, Gesundheitsvorsorge, Verkehr, Post, Kontrolle jedes Zweiges von Wirtschaft und Handel und so weiter.

Der Unterhalt für diese große Armee von Staatsbediensteten wurde durch die gleichzeitige Existenz von Unternehmern und Arbeitern ermöglicht, die die expandierende Produktiv-Maschine am Laufen hielten. Mehr noch erlaubte nur die Aktivität produktiver Gruppen die Bildung und Konsolidierung parasitischer Schichten.

In diesem Fall konnte das Tätigkeitsgebiet des Parasitismus besonders breit sein, da die Produktivkräfte unvergleichbar groß waren.

Eine weitere Neuheit im Vergleich zum ancien régime vor der Französischen Revolution war, dass nun (fast) jeder Staatsbediensteter werden konnte, ungeachtet eines Geburtsrechts. Am Ende wurde durch die ungeheure und kontinuierliche Expansion der Staatsbürokratie eine parasitische Existenz für viele Menschen möglich, nicht nur für die Eliten.

Mehr noch war die Ausbreitung der Bürokratie nicht auf den Staat begrenzt, sondern betraf kapitalistische und sozialistische Organisationen genauso. Auch hier wurde es für ambitionierte Arbeiter möglich, auf der sozialen Leiter aufzusteigen und Aufseher und Vermittler der Massen zu werden.

Die Bürokratisierung der Gesellschaft führte zu einer degenerierten Dynamik zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Hätte man die ursprüngliche Dynamik ungestört am Werk gelassen, ganz so wie in der Vergangenheit, hätte sie sehr wahrscheinlich zu einem Anstieg der Kaufkraft der Arbeiter und einer Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen geführt. Mehr noch wäre wahrscheinlich eine schrittweise, substanzielle Verkürzung des Arbeitstages die Folge gewesen, wie es in der Vergangenheit der Fall gewesen war.

Aber nichts derartiges geschah. Stattdessen wuchs die Konsumption der Staatsbediensteten und anderer parasitischer Schichten auf Kosten der Produktivkräfte.

Bürokratismus war auch das Resultat eines anderen wachsenden Krebsgeschwürs: Monopolismus.

 

17. Monopolismus  (^)

Es ist die natürliche Neigung des Staates, Macht zu monopolisieren - zumindest in einem bestimmten, meist großen, Territorium; Macht zu teilen ist an sich mit seiner Natur unvereinbar.

Gleichzeitig ist der Staat ein Nährboden für das Wachsen von Monopolen in der Wirtschaft. Wegen nach außen gerichteter Macht und innerer Kontrolle favorisierte der Nationalstaat die Bildung und Konsolidierung von Monopolen und Oligopolen durch:

- Patronage: die Vergabe von exklusiven Rechten der Produktion oder Distribution an nationale Unternehmen, die entweder dem Staat gehören oder direkt durch ihn kontrolliert werden oder ihm dienstbar sind;

- Protektionismus: Schützen oder Abschotten nationaler Unternehmen gegen ausländische Wettbewerber. Durch Protektionismus wurde der Staat der Vater und der Einfuhrzoll die Mutter von Monopolen.

Durch Patronage und Protektionismus schuf und verstärkte der Staat nicht nur Monopole, sondern gab sich gerissen eine Rechtfertigung für seine Expansion. Tatsächlich erreichte der Staat, der eigentlich Verantwortliche für Monopole, durch sein Eintreten für Anti-Monopol-Gesetze und Staatseigentum an Schlüsselressourcen das brillante Ergebnis, als Anwalt des kleinen Mannes gegen die Großindustrie gesehen zu werden, während er betrügerischer Weise zugleich der einzige wirkliche Monopolist wurde.

Der Staat zieht Organisationen vor, egal ob in Staatseigentum oder staatlich reguliert, die sich nach seinem Vorbild gestalten, und er befasst sich lieber mit einigen großen Firmen, die leichter zu identifizieren und kontrollieren sind, als mit der dynamischen Realität vieler kleiner. Das ist eine historische Tatsache nicht nur im Bereich wirtschaftlicher Angelegenheiten, sondern besonders in dem politischer oder kultureller Realitäten.

Tatsächlich war es besonders in seinen Beziehungen zur Minderheiten, kleinen und großen, in denen der Staat sich am aggressivsten und furchtbarsten darum bemühte, monopolistische Kontrolle und eine Homogenisierung zu erreichen. Hier lief die kriminelle Wut des Zentralstaates auf Genozid hinaus, wie bei den Armeniern (1,5 Millionen, die vom türkischen Staat vernichtet wurden) und den Juden (6 Millionen, durch den deutschen Staat).

Monopolismus erforderte Bürokratismus, der im Gegenzug den Monopolismus verstärkte.

Monopolismus ist synonym mit Zentralisierung und Homogenisierung. Um diese Ziele zu erreichen, griff der Staat nicht nur auf Repression, sondern vor allem auf Indoktrinisierung und Manipulation zurück.

Angefangen mit Preußen (1808) wurde Erziehung zentral als Monopol vom Staat verwaltet.

Wie üblich wurden diese neuen Maßnahmen von progressiven oder semi-progressiven Rechtfertigungen, die auf den Zeitgeist ausgerichtet waren, flankiert. Im besonderen Fall der Schulen hätten die Befürworter der staatlichen Intervention einen Punkt gehabt, wenn sie auf materielle Unterstützung der Erziehung, ohne gleichzeitige Einmischung in ihre Inhalte, begrenzt gewesen wäre. Ein staatliches Schulsystem bedeutete aber von Anfang an aufgezwungene Homogenisierung von Individuen durch zentrale Kontrolle und das Formen von Charakteren.

Später wurde es noch durch monopolistische Kontrolle der Kommunikationsmittel (z.B. Radio) zur Verbreitung von Propaganda, zum Sieben von Information und zum zum Schweigen bringen der Opposition ergänzt.

All das erwies sich als sehr nützlich zur Vorbereitung von willigem Kanonenfutter für die kommenden staatlich geförderten Gemetzel.